Das Halmeziehen ist eine der ältesten Auswahlmethoden der Menschheit. Bereits in der Antike nutzten die Griechen das Kleroterion, ein mechanisches Gerät mit Bronzestäben, um in Athen per Zufall Amtsträger zu bestimmen. Die Römer griffen auf die Sortitio zurück, ein Losverfahren mit ungleich langen Stäben oder Ruten, um eroberte Ländereien zu verteilen und Soldaten für die Dezimation auszuwählen — eine militärische Bestrafung, bei der jeder zehnte Legionär, durch das Los bestimmt, von seinen eigenen Kameraden hingerichtet wurde. Das Buch Jona in der Hebräischen Bibel beschreibt, wie Seefahrer Lose zogen, um den Verantwortlichen für einen göttlichen Sturm zu ermitteln — ein Zeugnis für die Universalität dieser Praxis in der antiken Welt.
Im Mittelalter wurde das Halmeziehen zu einem alltäglichen Werkzeug in europäischen Dörfern. Man schnitt Stroh-, Heu- oder Binsenhalme auf verschiedene Längen zu; eine Person hielt sie in der geschlossenen Faust, sodass die sichtbaren Enden perfekt ausgerichtet waren, und jeder Teilnehmer zog der Reihe nach einen Halm. Wer den kürzesten erwischte, wurde für Gemeinschaftsaufgaben eingeteilt: Wegebau, Nachtwache, Grabenreinigung oder Militärdienst bei Massenaushebungen. Der französische Ausdruck „tirer à la courte paille" taucht bereits im 13. Jahrhundert in der Literatur auf, insbesondere in den Fabliaux. Im mittelalterlichen England war die Praxis als „drawing of lots" bekannt und verwendete häufig Streichhölzer unterschiedlicher Länge.
In der Neuzeit erhielt das Halmeziehen eine tragische Dimension in der Seefahrtsgeschichte. Das „Gewohnheitsrecht des Meeres" (custom of the sea), seit dem 17. Jahrhundert kodifiziert, erlaubte schiffbrüchigen Seeleuten, Halme zu ziehen, um zu bestimmen, wer geopfert und zur Rettung der anderen verzehrt werden sollte. Der berühmteste Fall ist die Mignonette-Affäre von 1884: Kapitän Thomas Dudley und seine Besatzung, im Südatlantik gestrandet, töteten den Schiffsjungen Richard Parker, ohne Halme zu ziehen, was zum Prozess R v Dudley and Stephens führte — einem Grundsatzurteil im englischen Strafrecht zur Frage des Notstands. Der Fall legte fest, dass das Halmeziehen, obwohl unvollkommen, die einzige vom Seegewohnheitsrecht anerkannte „faire" Methode war.
Die Mathematik hat die Fairness des Halmeziehens formal bewiesen. Unabhängig von der Reihenfolge, in der die Teilnehmer ziehen, hat jede Person genau die gleiche Wahrscheinlichkeit k/n, einen der k kurzen Halme unter insgesamt n zu erwischen. Dieses kontraintuitive Ergebnis — viele glauben, dass die erste Person benachteiligt ist — beruht auf dem Satz von Bayes und der Tatsache, dass alle möglichen Permutationen der Halme gleich wahrscheinlich sind. Der französische Mathematiker Pierre-Simon de Laplace formalisierte diese Wahrscheinlichkeitsberechnungen in seiner Théorie analytique des probabilités (1812), in der er mehrere Losverfahren analysiert, darunter das sequenzielle Ziehen von Stäben. Das Ziegenproblem (Monty-Hall-Problem), 1990 populär geworden, veranschaulicht, wie trügerisch unsere probabilistische Intuition in solchen Situationen sein kann.
Das Halmeziehen hat eine wichtige Rolle in der Sozialpsychologie und der Erforschung von Gruppendynamiken gespielt. Experimente der Forscher John Thibaut und Laurens Walker in den 1960er Jahren zeigten, dass Menschen die Ergebnisse einer Zufallsauswahl als gerechter empfinden als die einer menschlichen Entscheidung, selbst wenn das Ergebnis identisch ist. Dieses Phänomen, bekannt als „prozedurale Gerechtigkeit", erklärt, warum das Halmeziehen bis heute genutzt wird: Es neutralisiert Vorwürfe der Bevorzugung und entschärft zwischenmenschliche Konflikte. Der Anthropologe Clifford Geertz beobachtete, dass in vielen Kulturen, von Bali bis Westafrika, Varianten des Halmeziehens als sozialer Mechanismus dienen, um die direkte Verantwortung für eine unpopuläre Entscheidung zu vermeiden.
Heute erlebt das virtuelle Halmeziehen dank digitaler Werkzeuge eine Renaissance. Apps und Websites bilden das Zieherlebnis originalgetreu nach und fügen Animationen und Spannung hinzu. In Unternehmen wird die Methode eingesetzt, um zu bestimmen, wer das Besprechungsprotokoll schreibt, Kundendienstaufgaben zu verteilen oder zu entscheiden, wer den Kaffee holt. In Japan ist das Amidakuji (ein Liniengitter auf Papier) eine beliebte Variante des Halmeziehens, die für alles verwendet wird — von der Sitzplatzverteilung im Klassenzimmer bis zur Festlegung der Reihenfolge beim Karaoke. In Deutschland wird das Losverfahren traditionell bei Vereinsentscheidungen und in der kommunalen Verwaltung eingesetzt, und das Bürgerliche Gesetzbuch erkennt das Losverfahren in bestimmten Fällen als gültiges Entscheidungsverfahren an.